13. - 14. April

Gestern den 13. wurde  mir bewusst, welch Katzensprung ich im Vergleich zur geplanten Gesamtstrecke gemacht habe. Für dieses geflügelte `Katzensprung` Wort musste ein anderer Begriff her. Ich wollte also wie ein Gepard auf der Jagd Hunderte von Kilometern zurücklegen und dabei natürlich meinen Focus für das Wasser behalten. Mäandernde Flüsschen, Bäche und Moorlandschaften begleiteten mich. Die Ufer sind alle in sehr natürlichem Zustand. Sogar neben der Strasse sind Moorstreifen bzw. Bäche. Das sah ich als Vorteil und als gewisse Bremszone nach eventuellen ungewollten Manövern mit dem Auto. Dass ich noch sehr hoch im Norden bin, wurde mir durch einen echten Elch am Strassenrand, Schneetreiben und den Namen `Neu-Ladoga` als Ortsname klar.

 

Auf der Jagd nach Kilometern hielt ich nur zu den allernötigsten Stopps. Ich wollte sie heut noch sehen, spüren und ehrfürchtig einige ihrer Wellen bewegen - die Wolga. Dazu wählte ich die Stadt Jaroslavl als Ziel. Eine wirklich schicke Stadt, deren Geschichte ich noch später lesen werde. Ich wollte am Wasser bleiben und fand ein Bootel. Ein alter, kitschiger, quietsch-grüner Ausflugsdampfer mit aufwendig verzierten, weissen Fensterrahmen.

Geschaukelt werden wie ein Baby und dabei schlafen - ist es nicht eines der ersten schönen Erlebnisse, die wir haben auf dieser Erde? Ich wollte so schlafen. Es gab eine freie Koje.

 

Nach ausgedehnter Dusche und einem opulenten Diner legte ich mich schlafen. Am 14. wachte mit dem ersten Sonnenstrahl auf. Mit Kaffee und Land-Karte ging ich auf das Sonnendeck und es fiel mir schwer, mich für einen Weg entlang der Wolga zu entscheiden. Ich schaffte es, ohne jedoch eine spürbare Verbindung zum Hier und Jetzt. Etwas automatisiert packte ich zusammen und fuhr los. Was war los? 

Ich musste noch tanken. Also ran an die Tanke……….und jetzt beginnt eine peinliche Geschichte, die es aber Wert ist, sie zu erzählen. Sie zeugt von Völker-Freundschaft, Empathie und Mut zum Handeln.

 

Ich bestelle 60 Liter an der Tankstelle und bezahle vor dem Zapfen. Die Zapfpistole funktioniert nicht richtig und ich brauche 2 Hände zur Bedienung. Meine Brief- und Dokumententasche lege ich aufs Auto-Dach. Ja wirklich ! Vollgetankt fahre ich also los. Mal schneller mal langsamer ca. 4 Stunden nach Ivanov. Dort möchte ich ein verspätetes Mittagessen geniessen. Ich parke und greife nach meiner Brieftasche ins Leere. Ich suche noch ein bisschen, strukturiere aber innerlich schon den ungewollten Plan B: Polizei, Botschaft der Schweiz, Botschaft der BRD, Kreditkarten, Geldtransfers (ohne Dokumente?), Import- Exportpapiere usw. Also schnell zurück nach Jaroslavl zur Tanke vom Morgen. Negativ. Auf der Kamera konnte ich meine Unkonzentriertheit sehen. Jetzt ab zum Bootel, denn dort gab es noch Kopien meines Passes und der Imigrationspapiere. 

Jetzt kommt der „himmlische„ Teil dieses Tages. 

 

Ich betrete also das Bootel und sehe die Sekretärin telefonieren. Als ich reinkam, schaute sie mich sehr verheissungsvoll an und ich warf nur schnell das Wort „Dokumente?“ in den Raum. Sie nickte zustimmend…….

 

Alexey, einer der großen Helden meiner Reise.

 

Eine Stunde später kam Alexey aus einem 8 km entfernten Dorf zum Bootel und übergab mir alle Dokumente. Ich wollte, konnte und durfte nicht nach meiner flüssigen Reisekasse fragen. Für mich war es eine bezahlte Lektion und für den Finder der menschlichste Weg, einem Ausländer nicht noch mehr das Leben schwer zu machen. Also gab ich ihm alles an Bargeld was ich noch hatte.

Er zog bescheiden ab.

 

Ja jetzt ist sie raus die peinliche Geschichte. Doch zeigt sie wieder einmal, dass Völkerverständigung etwas mit Handlung zu tun hat. Alexey hat es - hat etwas dafür getan. Das Konvolut der Papiere hat ihm seine Verantwortung klar gemacht und er ist für mich zum Bootel gefahren. Dieses Gute Ende gibt auch dem Idealisten in mir wieder Futter, an anderer Stelle in schwierigen Situationen den Glauben zu behalten. Ich werde heute nacht am Ufer der Wolga ein Lob-und Dankeslied für Alexey und seine Familie singen. Gott möge dich Alexey und all deine Lieben beschützen auf all deinen Wegen. 

 

Was für ein Tag! 

 

Was für ein Miteinander! 

 

Auch der Wagen mochte die Ufer der Wolga erfahren.

 

Diese Türme sah ich aus 40 km Entfernung. Bei meiner schnellen Rückfahrt haben sie mir die Zeit verkürzt und gaben mir Vertrautheit.


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Initiatoren

Andy Denk

Claudia, Katja & Anatoly

 

Kurzbeschreibung

Tour Baikal 2019 – Erforschungsreise einer zukünftigen Wasserroute